Der Markt nach dem Sora-Aus
Bis zum Frühjahr 2026 war Sora das Gesicht der KI-Video-Welle. Dann stellte OpenAI die App ein - seit Ende April sind App und Web-Version offline, die Programmierschnittstelle folgt am 24. September 2026, einen Nachfolger gibt es bislang nicht. Die ganze Geschichte samt Erkennungsmerkmalen steht im Ratgeber zu Sora-2-Videos.
Die Nachfrage ist dadurch nicht kleiner geworden, sie hat sich verteilt. Drei Namen prägen das Jahr: Veo, Kling und Runway. Dazu kommen günstige Massenanbieter wie Hailuo und frei verfügbare Modelle wie Wan, die jeder auf eigener Hardware laufen lassen kann. Der Realismus ist überall gestiegen - die Zeiten, in denen sechs Finger ein zuverlässiger Hinweis waren, gehen zu Ende.
Google Veo: der Platzhirsch mit Pflicht-Wasserzeichen
Veo ist aktuell das Maß der Dinge, wenn es um glaubwürdige Bilder samt passendem Ton geht: Die Version 3.1 erzeugt Clips mit nativer Tonspur, hält sich eng an die Eingabe und liefert auf Wunsch 4K-Auflösung. Genau deshalb tauchen Veo-Clips massenhaft in Shorts und Reels auf.
Für die Erkennung ist Veo der angenehmste Fall: Google bettet in jedes erzeugte Video ein unsichtbares SynthID-Wasserzeichen ein - direkt in die Bildpixel jedes Frames. Der Haken: Lesen können dieses Signal praktisch nur Googles eigene Prüfwerkzeuge, und je nach Produkt kommt zusätzlich ein sichtbares Logo dazu, das sich wie jedes sichtbare Logo entfernen lässt. Wie unsichtbare Wasserzeichen grundsätzlich funktionieren, erklären wir im Ratgeber zu C2PA, SynthID und Wasserzeichen.
Kling: der Preisbrecher aus China
Kling vom chinesischen Anbieter Kuaishou hat sich über den Preis nach vorn gearbeitet: viel Videolänge für wenige Cent pro Sekunde. Die Anfang Februar 2026 erschienene Version 3.0 schafft Clips bis 15 Sekunden in nativem 4K mit 60 Bildern pro Sekunde - technisch spielt Kling damit in der Spitzengruppe, und in unserer Prüfpraxis begegnen uns Kling-Clips entsprechend häufig.
Bei der Kennzeichnung ist Kling deutlich weniger verlässlich als Veo: Ob ein sichtbares Logo oder maschinenlesbare Herkunftsdaten mitkommen, hängt von Produkt und Export-Weg ab. Praktisch heißt das: Ein Kling-Video im Feed trägt oft gar keinen Hinweis auf seine Herkunft.
Runway: das Werkzeug der Profis
Runway richtet sich weniger an Feed-Scroller als an Leute, die Videos produzieren: Werbung, Musikvideos, Filmvorproduktion. Die Gen-4-Modellfamilie - zuletzt in der Version Gen-4.5 - steht in unabhängigen Vergleichstests regelmäßig ganz oben, und der eigentliche Vorsprung liegt im Workflow - präzise Kontrolle über Kamera, Figuren und Szenen statt reinem Würfeln mit Texteingaben.
Erfreulich aus Erkennungssicht: Runway gehört zu den Anbietern, die ihren Ausgaben C2PA-Herkunftsdaten mitgeben (Adobe macht das ebenso bei seinen Firefly-Inhalten) - genau die kryptografisch signierten Nachweise, die unsere Prüfung ausliest. Aber auch hier gilt die alte Regel: Re-Uploads und Bearbeitung entfernen solche Metadaten häufig.
Die offenen Modelle: stark, kostenlos, unmarkiert
Neben den großen Anbietern existiert eine wachsende Familie frei verfügbarer Videomodelle, allen voran Wan aus dem Hause Alibaba. Jeder kann sie herunterladen und auf eigener Hardware laufen lassen - ohne Inhaltsregeln und von Haus aus ohne Wasserzeichen oder Herkunftsdaten; ob eine Ausgabe markiert wird, hängt allein davon ab, wer das Modell betreibt. Qualitativ liegen sie hinter Veo und Kling, aber der Abstand schrumpft mit jeder Version.
Für Betrüger und Desinformation sind genau diese Modelle die erste Wahl, weil technisch nichts erzwungen wird und kein Anbieter Missbrauch sperren kann. Rechtlich gilt die Kennzeichnungspflicht des AI Act zwar auch für sie - praktisch kennzeichnet, wer täuschen will, schlicht nicht.
Was heißt das für die Erkennung?
Merk dir die Landkarte so - sie beschreibt die Original-Ausgaben, beim Teilen und Bearbeiten geht vieles davon verloren: Veo-Videos tragen immer ein unsichtbares SynthID-Signal (das Außenstehende kaum prüfen können), Runway- und Adobe-Ausgaben tragen C2PA-Herkunftsdaten (die wir auslesen), der Sora-Altbestand trägt C2PA plus das bewegliche Logo - und offene Modelle tragen nichts. Ein fehlendes Kennzeichen sagt also wenig, ein vorhandenes dafür umso mehr.
Die Prüfreihenfolge bleibt deshalb bei jedem Generator gleich. Erstens: Quelle klären - wer hat das Video zuerst gepostet? Zweitens: hinsehen - die typischen Anzeichen von KI-Videos wie unstimmige Schnitte, zerfallende Schrift und fast-synchrone Lippen gelten generatorübergreifend. Drittens: technisch prüfen lassen - wir lesen Herkunftsdaten aus, suchen forensische Spuren und sagen ehrlich, wenn die Datenlage kein Urteil hergibt.
