Der 60-Sekunden-Check im Überblick
Drei Schritte, von grob nach fein. Erstens die Herkunft: Wer hat das Bild zuerst gepostet, und gibt es das Motiv auch aus anderen Quellen? Zweitens der eigene Blick: ein paar Sekunden gezielt auf die Stellen schauen, an denen KI-Bilder am häufigsten patzen. Drittens die Technik: eine forensische Prüfung, die Herkunftsdaten und Bildsignale auswertet, die kein Auge sieht.
Wichtig ist die Reihenfolge deshalb, weil die Schritte unterschiedlich viel Zeit kosten und unterschiedlich oft ein klares Ergebnis liefern. Oft erledigt schon Schritt eins den Fall - etwa wenn die Rückwärtssuche zeigt, dass das "aktuelle Unwetterfoto" seit drei Jahren durchs Netz geistert.
Schritt 1: Die Herkunft klären (20 Sekunden)
Frag zuerst nicht "Sieht das echt aus?", sondern "Woher kommt das?". Ein Konto, das seit Jahren unter Klarnamen postet, ist eine andere Quelle als ein zwei Wochen altes Profil mit Zahlensalat im Namen. Berichten seriöse Medien über das angebliche Ereignis? Ein spektakuläres Foto, das nur in einem einzigen Post existiert, ist ein Warnsignal.
Der stärkste Handgriff in diesem Schritt ist die Bilder-Rückwärtssuche: Bild gedrückt halten oder herunterladen und bei Google Lens, Bing oder TinEye einwerfen. So findest du frühere Veröffentlichungen, andere Auflösungen und Faktenchecks - und entlarvst nebenbei den Klassiker, dass ein echtes, aber altes Foto in neuem Zusammenhang recycelt wird.
Schritt 2: Gezielt hinsehen (20 Sekunden)
KI-Bildgeneratoren sind stark geworden, aber sie patzen noch immer an vorhersagbaren Stellen. Schau der Reihe nach auf: Hände und Finger (Anzahl, Haltung, Übergänge), Schrift im Bild (Schilder, Etiketten, Tattoos - zerfällt sie in Fantasiezeichen?), Ohren, Zähne und Schmuck (Asymmetrien, verschmolzene Ohrringe), Schatten und Spiegelungen (passen Richtung und Inhalt?) sowie den Hintergrund (verbogene Linien, Menschen mit verwaschenen Gesichtern).
Dazu kommt der Gesamteindruck: KI-Fotos wirken oft eine Spur zu perfekt - makellose Haut, gleichmäßiges Licht, aufgeräumte Szene. Die ausführliche Liste mit Beispielen findest du im Ratgeber zum Erkennen von KI-Bildern. Aber verlass dich nicht allein auf dein Auge: Die besten Generatoren machen inzwischen Bilder, bei denen auch geübte Betrachter danebenliegen.
Schritt 3: Technisch prüfen lassen (20 Sekunden)
Jetzt kommt der Teil, den das Auge nicht leisten kann. Lade das Bild bei uns hoch oder füge den Link ein - die Prüfung läuft automatisch: Wir lesen Herkunftsdaten wie C2PA aus (kryptografisch signierte Nachweise, die manche Generatoren und Kameras einbetten), suchen nach statistischen KI-Spuren im Bild selbst und lassen trainierte Modelle das Material bewerten. Nach kurzer Zeit bekommst du eine Einschätzung mit Wahrscheinlichkeit - und ein teilbares Zertifikat, falls du das Ergebnis in eine Diskussion tragen willst.
Ein Tipp für bessere Ergebnisse: Prüfe möglichst nah am Original. Screenshots und mehrfach weitergeleitete Versionen verlieren Metadaten und Bildsignale. Wie die Prüfung im Detail funktioniert und wo ihre Grenzen liegen, steht im Ratgeber Wie funktioniert KI-Erkennung?
Wenn das Ergebnis "nicht entscheidbar" lautet
Manchmal reicht die Datenlage für ein klares Urteil nicht - stark komprimierte Reposts sind der häufigste Grund. Dieses Ergebnis ist kein Fehler, sondern Ehrlichkeit: Lieber offen "nicht entscheidbar" als eine geratene Prozentzahl. Was du dann tun kannst: die Originaldatei besorgen (statt Screenshot), eine höhere Auflösung suchen, den Kontext über die Rückwärtssuche weiter eingrenzen.
Und bis Klarheit herrscht, gilt die einfachste Regel der Medienkompetenz: im Zweifel nicht weiterteilen. Ein Bild, das starke Gefühle auslöst und sich nicht verifizieren lässt, ist genau das Muster, mit dem Desinformation funktioniert.
